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Zu Silvester mit Norikern nach Reith

Pep, Franz, Hans und Wast kutschieren uns durch einen philosophisch-lustigen letzten Jahrestag und durch einen alten, einzigartigen Brauch.

Text: Edi Ehrlich
Foto: Kerstin Joensson

Dieser Artikel ist im Jahr 2017 im regionalen Magazin “Bei ins Dahoam” erschienen. Alle Angaben entstammen der Originalversion der Printausgabe von “Bei ins Dahoam”.

Bald ist es wieder soweit. Und darauf freuen sich die Pferdefreunde Pep, Franz, Hans und Wast schon. Am 31.12. werden viele von uns um Mitternacht mit Sekt oder Schampus donauwalzend ins neue Jahr rutschen. Unsere Vier aber steigen an dem Tag schon früh aus den Federn, da ihr Höhepunkt bereits um 08.30 Uhr beginnt: Eine Kutschenfahrt zu einem Gottesdienst als besonderer Dank und Opferbrauch in der Reither Pfarrkirche. Im Vorjahr durfte ich bei diesem unverwechselbaren Brauch dabei sein und davon erzählt diese Geschichte …

 

Schon früh geht‘s am Kirchberger Erlenhof geschäftig zu. Bis zur Abfahrt müssen die kräftigen, schönen Noriker-Pferde fesch herausgeputzt sein. Den Hofbauern und leidenschaftlichen Noriker-Züchter Pep Schiessl kennen unsere Leser wohl schon vom Hengstauftrieb in Aschau und vom Brixentaler Antlassritt. 2004 haben er und der Höller Wast vom Schösserhof die alte Tradition wiederauferstehen lassen, die Messe per Kutschenfahrt zu besuchen. Seit den 50ern fand die Anfahrt per Automobil statt.

 

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Die Tiere spüren, es ist ein besonderer Tag

 

Auch Peps Nachfolger als Obmann des Noriker-Vereins, der Hetzenauer Franz, spannt zwei seiner Rösser ein – ein Glücksgefühl für den Pferdeliebhaber. Die Noriker Fanny und Gerda fiebern der Ausfahrt offenbar freudig entgegen und genießen ihren edlen Aufputz. „Die Ross sind froh, wenn sie eing‘spannt werden“, sagt Franz. „Die gehen gern“. Sie spüren wohl, dass heute ein besonderer Tag ist, der auch ihrem Wohl dienen soll. Auch Franz‘s bessere Hälfte Cilli ist mit einem feschen, selbstgefertigten Hut gegen die klirrende Kälte mit dabei.


Aus Westendorf ist Simbeni Sepp mit Partnerin Helga zum Mitfahren gekommen. „Boid die Rossinger beinand sind, geiht’s oiwei was“, sagt er und hält schöne Karotten für die Pferde parat. Nun schneit der Hauptmann der Schroll Schützenkompanie ums Eck, der Stallhäusl-Hans, der Schipflinger: „Vo uns vier Buam hat mit dem Tat früher oiwei nur oana nach Reith zur Mess mit dürfen – aber zu Fuaß no!“, klingt es unter seinem hochgezwirbelten Kaiser-Franz-Josef Bart hervor. „Dürfen“ deshalb, weil es nach der Kirche das einzige Mal im Jahr ein Würstel samt Kracherl gab.


Heute übernimmt Pep der Kitzbüheler Ache entlang mit seinem Schlitten die Speerspitze. Unter der Bahn-Unterführung hindurch bis zum Achenstüberl, wo zu unseren Kutschen zwei weitere stoßen, die vom Ortsteil Klausen gekommen sind. Auf einem Bock der bereits erwähnte Höller Wast, auf dem anderen der „Petringer“, der Aufschnaiter Hans vom Peternhof, beide samt familiärem und freundschaftlichem Anhang.

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Der Kutschen-Hoagascht nimmt Fahrt auf

Nach einem wärmenden Nippen an der Schnapsflasche geht die Fahrt weiter, nun in vollständiger Kompanie. Und auch der „Kutschen-Hoagascht“ nimmt Tempo auf. Wann wird der erste Schnee kommen? „Heuer kimmt er nimmer“, hat Franz am letzten Tag des Jahres natürlich Recht. Er weiß vom Vater, dass es auch in den 50ern teils derart schneelose Winter gab, und dass sie das Holz aus dem Oberen Grund in Aschau mit den Wägen anstatt den Schlitten ins Dorf lieferten. Auch heuer wäre das weiße Gold für den Tourismus und fürs Dreikönigs-Pferderennen  wichtig. Franz hat selbst mal bei einem Trabrennen mitgetan, „I bin sechster worden von acht“, lacht er herzerfrischend. Dabei sein ist alles.

 

Just beim Sonnhof nahe dem Reither Golfplatz fängt uns die Morgensonne ein, wärmt Landschaft und unsere Herzen. Ein Traumblick auf den Wilden Kaiser im schönsten Winterlicht. Von den Pferden steigt der Dampf ihrer Körperwärme auf. „Die Hennen san a scho heraussen in der Sunn!“, und vor dem nächsten alten Bauernhaus winkt uns die Bäuerin zu: „A guats neus Jahr!“ In Griesbach geht’s über ein vereistes „Gramei“, das den Pferden in früheren Jahren schon Probleme bereitete. Heuer geht alles gut.

 

Wir genießen unsere schöne Tiroler Heimat. „Schau, wie schön! Ein Traumtag! I muass a Foto machen!“ Und so bärig, bei diesem einzigartigen Brauch dabei zu sein. „Bei uns woaß kam oana was vom Kirchenfahren“. Aber: „Die alten Bräuch‘ werden wieder mehr. Und die Jungen mögen des a!“, klingt es aus einer Kutsche. Wir sehen die schmalen Kunstschnee-Streifen am Reither Ski-Übungslift. „Kimmt no, dass ma heign tuat und nebenbei toans schneibn!“, schallt es vom anderen Bock. „Ma kunnt ja glei die Gülle durch die Schneekanonen jagen. Dann wär’s a bissl brauner, und a Duft wär a dabei!“ Gelächter, und beim Keihuberbauern, wo die Fohlen in der Koppel tollen, ruft uns die für ihre Haflinger weitum bekannte Lisi ihre Glückwünsche zu.

 

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Einzug der Pferdegladiatoren vor der Kirche

 

Dann, nach einer halben Stunde Fahrt, der Einzug der Pferdegladiatoren vor der Barockkirche Reith. Bei den vom Seiwald-Bauern bereiteten Stellplätzen werden die Noriker zugedeckt und behutsam versorgt. Dann wartet in der Kirche schon vor Messbeginn ein wesentlicher Teil des Ritus: Auf der linken Altarseite steht ein Korb, in den die Landwirte eine Geldspende legen. Dafür dürfen sie sich leihweise ein oder zwei der bereitgestellten, geschnitzten Holztier-Figuren aussuchen – Pferde, Kühe, Schweine, Ziegen, etc.. Damit gehen sie zur rechten Seite des Altars, wo die Statue des Papstes Silvester wartet. Er, der am 31.12.335 verstarb, ist als Viehbeschützer hochverehrt, und vor  seine Statue werden die kleinen Tiere nun gestellt, etwa um im neuen Jahr um besondere Vermehrung des Viehbestands zu bitten. Franz hofft mit einem gefleckten Kalb und einem Noriker auf entsprechendes Glück und auf guten Segen im Stall, Haus und Hof.

 

Beißwürmer trieben ihr Unwesen

 

 

Die Bläser leiten die Messe ein. Pfarrer Herbert Hounold, kurzfristig für den grippeerkrankten Pfarrer Mag. Michael Struzynski eingesprungen, begrüßt zum Dankgottesdienst zu Ehren der Kirchenpatrone Silvester und Ägidius. „In dieser Zeit sollen wir uns freuen und auch zufrieden und glücklich sein“. Schließlich geht Priesterstudent Hannes Lackner auf den Brauch des Silvesteropfers ein, bzw. auf die dazu von Pfarrsekretärin Rosina Sampl niedergeschriebene Legende: „Auf der Usterkaralm, Gemeindegebiet Kirchberg, und in der Gegend von Aschau, aber auch bis zum Kitzbüheler Horn trieben diese sogenannten „Beißwürmer“ – heute würde man sagen: ein schlangenähnliches Getier – arg ihr Unwesen. Bald verendete da, bald dort ein Stück Vieh. Die Leute standen vor einem großen Rätsel. Angst und Schrecken nahmen zu, bis plötzlich einmal ein Bauer so ein springendes und hüpfendes Untier erblickte. Er erzählte, dass er diese Würmer schon von Weitem pfeifen, pfauchen und hastig schnaufen gehört hat.

 

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Nun beschlossen die Bauern, dass sie zur Abwehr der Gefahr, ein Gelöbnis beim Heiligen Silvester in Reith stiften, um das Vieh vor Krankheiten zu bewahren. Dies wurde mit einem feierlichen Bitt- und Dankgottesdienst begangen, und es wurden Opfer dargebracht“ – die geschnitzten Tierfiguren. Das Silvester-Gelöbnis wurde erhört und die Beißwürmer, wohl eine Art von schwarzer Kreuzotter, ausgerottet.

 

Heute noch nehmen den eigentümlichen Brauch Bauern aus dem Brixental, bis Oberndorf, Kitzbühel, Going und St. Johann wahr. Am Ende des Gottesdienstes gibt Pfarrer Haunold den Gläubigen das Motto von Tom Helder Camara mit: „Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit“.

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Froher Ausklang im Reitherwirt

 

Ihren Traum, gemeinsam wieder mit Kutschen zur Messe nach Reith zu fahren, den haben unsere Pferdefreunde wahr werden lassen. Und ihr Wunsch, das zu Ende gehende Jahr froh ausklingen zu lassen, der soll sich gleich im gegenüberliegenden Reitherwirt erfüllen – auch wichtiger, fröhlich-reflektierender Teil des Rituals. „Sei tuats a netter Jahresabschluss“, sagt Franz beim Silvester-Hoagascht am Wirtshaustisch. Nun weiß man, dass das Jahr hoffentlich glücklich vorübergegangen ist. Für das, was im kommenden geschehen wird, hat man Gottes Hilfe erbeten, und die Tiere haben nun auch schützenden Segen erhalten. „Kimmst  a no amoi mit die Rossinger z’samm. Die Ross, die Fahrt und die Kirche – is oiwei nett. I bin ja a gläubiger Mensch a“. Und die Tradition liebt der Franz auch, 1946 ist schon sein Vater zum ersten Mal hergefahren.

Mit Rössern gemeinsam was unternehmen

Auch für Wast ist der Brauch ein Höhepunkt im Jahresablauf: „Ja! G‘hört oafach dazua!“, und so sind auch seine paar im Nebenerwerb gehaltenen Ochsen, Schweine und die beiden Rösser fürs neue Jahr von oben behütet. Der Petringer Hans genießt es an dem Tag immer, Pferdegeschirr und Wagen herzunehmen, schön zu putzen, und wieder einmal gemeinsam mit den Rössern was zu unternehmen. Pferdenarrisch ist auch er schon von klein auf. Sein Vater hatte schon Pferde, „und i bi scho als Kloaner hübsch dabei g‘wesen bei die Ross“.

 

Drei Pfarrer auf dem Schlitten


Die Reitherwirtin Brigitte stellt eine Runde Bier ein: „So, vier Seitei!“ sagt sie, „So sche, dass alle kemmts jedes Jahr!“ Das freut die Kutscher. „Fesch! Danke!“, und schon stoßen sie an: „A guats Neues! G‘sundheit, Prost!“ Und es schmeckt! „Nobel, passt!“

Pep erinnert an jene Heimfahrt, als Reith noch von Kirchberger Geistlichen betreut wurde und er nach einigen Kartenspielen gleich drei Pfarrer auf dem Schlitten dabei hatte. Ziemlich spät ist er damals heimgekommen. „Passiert heit nimmer, wir sind alle a bissei gesetzter, und jeder hat a Frau dahoam“.

 

Nächstes Jahr wird wieder besser

 

Unsere Kutscher blicken aufs abgelaufene Jahr zurück. Weltpolitisch und auch bei vielen Menschen war es oft kompliziert und unruhig. „Unruhig?! I bin in den Unruhestand g’angen“, erzählt Pep, sprich er ist als Zimmerer in der Pensionierung gelandet. Und auch die Obmannschaft im Norikerverein hat er an den Franz übergeben.

„Bei mir is des Jahr trotzdem nit so guat g’loffn“, meint Franz, „Aber s’nächste weascht’s wieder besser werden“, und da lacht er gleich wieder auf. Geht’s einem mal nicht gut, dann ist auch der Noriker-Verein eine willkommene Abwechslung. „Ja, des is a nettes Z’sammhalten“, sagt der Petringer. Und da wird auch viel unternommen. Sie sind noch stolz auf das wunderbare Festl, das sie zum 70er-Jubiläum abgehalten haben und das ihnen viel Lob eingebracht hat.

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Sie geht so schnell dahin, die Zeit

Beim Jahresrückblick gedenkt man auch jenen, die nicht mehr unter uns sind. „Mei Onkel is letztes Jahr no da g’wesen“, erinnert sich Hans. „Elf Tag drauf is er g‘storbn. Eing‘schlafen im Bett, aus, fertig!“ Er war über 80, also bei aller Trauer doch ein schöner Tod. „Wennst g‘storben bist, bist nimmer da“, meint Pep. „Was mir halt vorkimmt, sie geht so schnell dahin, die Zeit! Die weascht oiwei schneller“. Aber läuft sie nicht immer gleich schnell? Außer, dass just diese Silvesternacht 2016/17 eine Sekunde länger sein wird als üblich, weil sich die Erde zu langsam dreht.

 

 

„Heut rennen d‘Radeln schneller wia die Zeit“, heißt es im Wienerlied „Stellt‘s meine Ross‘ in Stall“, sagt Pep. „Und des stimmt oafach!“ Zum Petringer passt das Tirolerlied „Aba Hansei, spann ei“ und zum Schösserhofinger „Geh Wastei pack dei Pingei zsam“. Die sind lustiger. Franz lacht wieder auf, zu ihm fällt der Runde der Original-Oberkrainer-Hit „Franz der Maurerg‘sell“ ein, in dem es heißt: „Bei mir geht alles doppelt schnell … ich brauch am Tag so zwanzig Flaschen Bier“ – was für eine Aufforderung, gleich nochmal aufs neue Jahr anzustoßen! Nun aber ist es Zeit, dass sich unsere Kutscher zu ihren Mitfahrern und Begleiterinnen gesellen.

Schließlich steht am Rückweg ja auch noch die Einkehr im Achenstüberl an. Einst wurde die schwungvolle Heimfahrt mit den drei Pfarrern und ihren fliegenden Mänteln auf der Kutsche beobachtet, und so bildete sich auch um dieses Bild eine Legende, genauso wie jene um die Beißwürmer, die ihr arges Unwesen trieben.

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