Die fantastischen Abenteuer des “Schernfeichten” Toni

Von Pyramidenkraxlern, Zirkuselefanten, Gipfelstürmern,
Hochhaus-Flügen und Alpenblumen.

Dieser Artikel ist im Jahr 2017 im regionalen Magazin “Bei ins Dahoam” erschienen. Alle Angaben entstammen der Originalversion der Printausgabe von “Bei ins Dahoam”.

Sein Name ist in Kitzbühel kein unbekannter. Viele kennen Anton Hofer alias „Schernfeichten“ Toni und seine Frau Eva ob ihres wertvollen Wirkens für den Alpenblumengarten am Kitzbüheler Horn, den sie vor über 30 Jahren angelegt und seither unermüdlich gepflegt sowie erweitert haben. Viele wissen das Ehepaar mit dem Kitzbüheler Bauernmarkt zu verbinden, den die beiden vor etwa 35 Jahren aufgebaut haben. Und viele assoziieren ihn mit seiner ehemaligen Funktion als Skischulleiter der „Roten Teufel“. Auch ich kenne Toni Hofer, schon von klein auf. Nicht nur als entfernten Nachbarn, sondern auch als entfernten Verwandten: Er ist der Cousin meines Opas. Im Sommer wie im Winter sehe ich ihn mit seinem Hund „Bilbi“ spazieren, manchmal wechseln wir ein paar Worte, ab und zu war ich zu „Schernfeichten“ auf Besuch und ich wusste um die Leistung des Ehepaars für den Alpenblumengarten, der mich schon als Kind faszinierte. Kurz: Ich glaubte, Toni zu kennen, ein wenig zumindest. Was er mir aber bei unserem Treffen erzählte, machte mich schier sprachlos.
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Wenn der 88-jährige Toni Hofer aus seinem bewegten Leben, von seinen unzähligen Reisen, Bergtouren und Abenteuern berichtet, überkommt den Zuhörer – heute darf ich diese ehrenvolle Aufgabe übernehmen – unwillkürlich ein sehnsuchtsvolles Gefühl. Die unstillbare Lust, das eigene Leben mehr zu genießen, voll auszukosten, innezuhalten, die Welt zu entdecken, Berge zu erklimmen, Außergewöhnliches zu erleben, Neues zu wagen, sich lebendig zu fühlen. Seine Ausführungen sind eine Inspiration, gerade für junge Menschen – er sagt nämlich: „A Vorteil is‘ scho, wennst ois Junga wås tuast, weil wennst dånn amoi nimma so kust, håst wås zum Uschaun.“ Und zum „Uschaun“ hat Toni wahrlich viel – in zig Fotoalben sind seine wertvollen Erinnerungen verewigt. Der Weltenbummler hat schon so viele Länder bereist – in Nord- und Südamerika, in Asien und Afrika und in Europa natürlich sowieso. Ein Auszug seiner Reiseziele von „A“ wie Ägypten bis „Z“ wie Zypern: Äthiopien, Argentinien, Armenien, Bali, Bhutan, Chile, China, Frankreich, Griechenland, Indien, Indonesien, Irak, Italien, Jordanien, Kanada, Libanon, Malaysia, Mali, Marokko, Mexiko, Myanmar, Nepal, Pakistan, Papua Neuguinea, Portugal, Saudi Arabien, Schweiz, Spanien, Syrien, Thailand, Türkei, USA, Vietnam… – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.
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Vom Bauernbuam zum Skischulleiter

Wie aber schaffte es der ehemalige „Bauernbua“ aus einfachen Verhältnissen, solch abenteuerliche und teilweise sehr exotische Reisen zu unternehmen? Neben einer beträchtlichen Portion Glück hatten die richtigen Kontakte einen wesentlichen Anteil an der Verwirklichung vieler dieser Reisen, aber allen voran war es wohl Tonis schon früh vorhandene Entschlossenheit, den vorgegebenen Weg zu verlassen. Bewusst machte ihm dies jene Begebenheit: Toni, noch ein junger Bub, half gerade seinem Vater, Holzbretter nach Hause zu ziehen, als er einen Skilehrer mit einer Gruppe Skischüler sah. „Då håb i g‘wisst, dass die landwirtschaftliche Tätigkeit fi mi koa Zukunft håd und i versuach‘n wead, im Tourismus Fuß z‘ fåssen.“

Mit zwölf wurde Toni aufgrund des Arbeitskräftemangels in der Kriegszeit bereits von der Schulpflicht befreit. „Von meim ersten Verdienst auf da Niederkaseralm håb i ma im Winter d‘rauf fi 50 Mark an 50er-Block fi die Hahnenkammbahn kafft“, erzählt er lächelnd. Zwei Jahre war er außerdem „Kiahbua“ z’Unterberg, von wo aus er das Horn auf Skiern erkunden konnte und verschiedenste Abfahrten entdeckte. Auf dem Unterberg-Hof lebte eine Pragerin, die sein Sprachentalent erkannte und ihm so bei schlechtem Wetter Sprachunterricht gab. Englisch konnte er bereits ein wenig aus der Schule, zusätzlich lernte er in den folgenden Jahren Französisch, Italienisch und Spanisch. All dies – seine Liebe zu den Bergen, sein schon früh trainiertes Geschick als Tourengeher, seine Gelände- aber vor allem seine Sprachkenntnisse – erleichterten ihm dann schließlich den Eintritt in die Skischule und somit seinen weiteren Werdegang: 1950 machte er die Skilehreraufnahmeprüfung, ließ sich zum staatlich geprüften Skilehrer ausbilden und wurde 1975 sogar zum Leiter der Skischule „Rote Teufel“ gewählt – ein Amt, das er zehn Jahre lang innehatte. Damit bewies er, dass ein Skischulleiter nicht zwingend ein Rennsportler sein musste, sondern „vor allem mit de Gäst umz‘geh wissen soiat“. Und das konnte Toni wohl wie kein anderer – nicht zuletzt aufgrund seiner für die damalige Zeit außergewöhnlichen Sprachenkenntnisse, die er durch den Kontakt mit den Gästen perfektionierte.
Im Sommer arbeitete er ab den Fünfzigern im Reisebüro und als Reiseleiter für zahlreiche Bustouren. So fand Toni immer die Verbindung zwischen Arbeit und Vergnügen und tat alles mit großer Leidenschaft. Außerdem konnte er zu jeder Jahreszeit Skifahren – im Winter auf Schnee und im Sommer auf Wasser (auf dem Walchsee oder in St. Gilgen) – und seine geliebten Berge erklimmen.

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Eine Anekdote: Der kleine Toni als Filmstar

An ein außergewöhnliches Erlebnis aus seiner Kindheit erinnert sich Toni besonders lebhaft – er grinst verschmitzt, als er davon erzählt: In der Kriegszeit lernte er den niederländischen Filmemacher Jan Boon kennen, der unter anderem „Melodie auf Ski“ sowie Werbefilme für die „Roten Teufel“ drehte und mit dem Toni später viele Skitouren unternahm. Boon gab dem damals elfjährigen Buben eine kleine Rolle in seinem neuesten Film „Der Landtierarzt“: Toni spielte einen Bauernburschen, der den Tierarzt zum Hof bestellen sollte – jener war aber verhindert, denn der Löwe im Zirkus, der gerade im Ort gastierte, hatte Zahnweh. Vieles wurde in der Gegend von Kitzbühel gedreht, doch für eine Szene musste das Filmteam zu einem Zirkus nach Wien reisen – „des wår echt a beeindruckendes Erlebnis für mi!“ Dort hatte er die Aufgabe, zum Elefanten ins Gehege zu springen und sich von ihm das Butterbrot aus der Lederhose „fladern“ zu lassen. Ragte das Brot zu weit aus der Hosentasche, hatte es der Elefant im Nu schnabuliert, steckte es zu tief, „hod mi da Elefant so lång durchg‘rüttelt, bis er‘s bekommen håd“. Die Begegnung mit dem Elefanten war eine aufregende Erfahrung, die er stolz in der Schule zum Besten geben konnte.

Mit Schokoladen-butterbrot zum Gipfelsieg

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Ähnlich früh wie seine ambitionierten Zukunftswünsche zeichnete sich natürlich Tonis ausgeprägte Liebe zu den Bergen ab. Er brachte sich das Skifahren selbst bei, verschrieb sich aber nicht wie viele andere junge Burschen der Rennkarriere, sondern zog dem das Tourengehen vor. Bereits in sehr zartem Alter unternahm er alleine ausgedehnte Skitouren auf dem Horn, bei denen er teil-weise von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends unterwegs war. Einmal fuhr er mit dem Zug auf eigene Faust nach Igls zur damals längsten Skiabfahrt Österreichs (auf dem Glungezer); auf dem Weg dorthin entgleiste zuerst der Zug in Westendorf und dann mussten die Passagiere einmal in Rum und einmal in Innsbruck in den Luftschutzkeller – das war 1945, als Toni gerade erst 15 Jahre alt war. In Galtür unternahm er die Silvretta-Durchquerung – sein Proviant bei solch anspruchsvollen Touren: Schokolade mit Butter, also „a Schokoladenbutterbrot“, nur ohne Brot. Durch seine Touren schloss er viele gute Freundschaften, war aber auch stets der Gefahr ausgesetzt: Auf einer Tour auf den „Hohen Riffler“ etwa geriet er in eine Lawine – „owa i håb großes Glück kåb, denn die Lawine håd mi glei wieder aussigschwoab“. 1954 wurden bei seiner Skiführerprüfung zwei Kameraden bei einem Spaltensturz getötet und bei der Bergführerprüfung fiel Toni selbst von einem Sérac (einem Turm aus Gletschereis), brach sich den Schädel, das Wadenbein und zog sich eine Gehirnerschütterung zu.

Monsieur le Duc und Monsieur le Comte

Als die Regenbogendivision der Amerikaner in Kitzbühel einmarschierte, lernte Toni einen Offizier namens Roger kennen, dem es in Kitzbühel so gut gefiel, dass er nach Ende seines Einsatzes gemeinsam mit seiner Familie zum Urlauben hierher zurückkehrte. Für Tonis Hilfe bei der Holzarbeit und der Kinderbetreuung zahlte ihm Roger nichts, lud ihn dafür aber nach Paris ein, wo ihnen Bankiers, mit denen der Amerikaner bekannt war, ein nobles Hotel bestellt (das „Saint James Albany“) hatten. Die beiden waren jedoch nicht dem Hotel entsprechend ausgerüstet. Toni hatte nur einen Pappkoffer und einen Steireranzug, „oiso homma beschlossen, ins ois Landadelige ausz‘gem, de si gegenseitig ois „Monsieur le Duc“ (Herr Herzog) und „Monsieur le Comte“ (Herr Graf) usprech‘n“. Solange die Angestellten ihr Trinkgeld bekamen, waren diese nicht „sektisch“ und spielten mit. Um sich die kurze, aber erlebnisreiche Zeit in Paris zu finanzieren, verkauften die beiden Rogers Auto. Der Erlös war innerhalb von nur zwei Tagen aufgebraucht, „weil ma Paris so intensiv ugschaut håm“, erzählt Toni lachend. Er kann sich an seine Worte an Roger und dessen Antwort noch genau erinnern – Toni fragte: „Roger, don’t you think we’ve spent a little bit too much?” Worauf dieser antwortete: „Let’s pretend we’ve never had it.” Toni grinst – ein Leitsatz, nach dem man leben kann: „Wenn di eppas roit, sågst am gscheidesten: Let’s pretend we’ve never had it. Wenn i’s nia kåb hätt, hätt i’s nit ausgeben kina.“

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(K)ein Märchen aus 1001 Nacht

Durch seine unzähligen Reisen konnte Toni viele Städte und Länder noch in ihrer ursprünglichen Schönheit erleben. Nicht von Touristenmassen überlaufen und von Souvenir-Ständen überschwemmt, noch ohne all die langen Schlangen vor den Sehenswürdigkeiten. Auch den Orient konnte er bei seiner großen Reise dorthin in den Fünfzigern in ganzer Pracht bestaunen. Der Libanon etwa, der eines der schönsten Länder ist, das Toni je gesehen hat und ihm als wahres Paradies erschien, wurde damals als „Schweiz des Orients“ bezeichnet – dort gibt es sogar ein Skigebiet. Außerdem besuchte er Damaskus (Syrien) und Bagdad (Irak), das ihm wie im Märchen aus 1001 Nacht vorkam. Die Reise ging weiter nach Saudi Arabien – ein Land, über das Toni Folgendes sagt: „Es gib zwoa Plätz, a de i nit unbedingt no amoi hifohn muass: Saudi Arabien und Jesolo.“ Es war heiß und schwül, das Öl rann ungefasst aus der Erde wie ein schwarzer Bach. Eine Nonne, die an Bord von Tonis Maschine war, durfte nicht aussteigen, weil sie den Boden verunreinigt hätte. Wer stahl, dem wurde die Hand abgehackt – das ist heute noch so. Saudi Arabien war für Toni das unmöglichste Land, das er je kennengelernt hatte. Aufgrund der horrenden Preise war auch sein ganzes Geld binnen kurzer Zeit aufgebraucht, doch einmal mehr hatte Toni das Glück auf seiner Seite: Der örtliche Chef der Swiss Air erklärte ihn zu einem Mitarbeiter der Fluglinie, wodurch er gratis im Hotel nächtigen durfte. Ägypten war dann erneut ein märchenhaftes Erlebnis: „Auf an Esel bin i ins Tal der Könige g‘ritten und die Cheops-Pyramide hob i z’Fuaß bestieg‘n, um oben an Sonnenuntergang z‘ genießen.“

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Wenn sich zwei Pyramiden-Kraxler finden

Ähnlich spektakulär und heute gleichermaßen undenkbar wie das mittlerweile verbotene Pyramiden-Besteigen war wohl der Rundflug zwischen den Hochhäusern New Yorks, den Toni auf seiner zweiten Amerikareise erleben durfte. Mit Freunden war er für drei Monate durch Kanada, die USA und Mexiko unterwegs. Wie sich herausstellen sollte, hatten Toni und seine zukünftige Frau das Pyramiden-Kraxeln übrigens gemeinsam. Auf just jener Amerikareise sprach ein Architekt die Freunde nämlich auf Eva an und fragte, ob sie sie kennen würden – und tatsächlich: Sie waren bereits mit ihr Ski gefahren. Der Architekt kannte sie seinerseits durch eine kuriose Geschichte, nach der Eva, die drei Jahre lang in Mexiko war, barfuß auf eine Maya-Pyramide geklettert war. „Ois i wieda zrugkemma bi, håb i die Eva troffn und ihr des vazöht – noa håmma natürlich an Gesprächsstoff kåb“, sagt Toni. Von Anfang an verband sie die Liebe zu den Bergen, zu deren Blumen und die Freude am Reisen. 1963 heirateten die beiden und Toni brachte ihr einen ganz besonderen Brautstrauß: Einen aus Enzian und anderen Alpenblumen. Seine Augen leuchten, wenn er von seiner Eva erzählt, davon wie geschickt und innovativ sie schon immer war – etwa mit dem Aufbau des Bauernmarktes.

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Abenteuerlust und Heimatverbundenheit

Wundervolle, spannende Orte und interessante Menschen hinterließen bei Toni bleibende Eindrücke: Die Freundlichkeit der Nepalesen, die Schönheit des chinesischen Teil des Himalajas, die atemberaubende Kulisse des südamerikanischen Berges Fitz Roy, der sich in majestätischen Zinnen über einem See erhebt. Tibet, Papua Neuguinea, Mali und Äthiopien – auch diese Reisen haben Toni nachhaltig beeindruckt. Doch trotz all der wundervollen Erfahrungen „wär‘s ma nia an Sinn kemma, dauerhaft aus Kitzbichi wegz’geh“. Und was ist eigentlich Tonis Lieblingsberg, bei all den wunderschönen wie auch hohen Bergen (darunter einige 5000er), die er in seinem Leben bestiegen hat? „Die unbestrittene Nummer oas is owa decht as Kitzbüheler Horn“, das Eva und er durch den Alpenblumengarten so bereichert haben. Die beiden fahren nach wie vor regelmäßig auf ihr Horn hinauf, um den Garten gemeinsam mit ihrer Tochter Barbara zu betreuen. Nur zu Hause bleiben möchte Toni auch mit 88 nicht: Heuer reiste er nach Portugal. Von der Geschichte des einstigen „Kiahbuam“ z’Unterberg, der sich aufmachte, um die Welt zu bereisen und heute ein unglaublich junggebliebener Weltenbummler ist, können sich viele Junge inspirieren lassen, wie man seine Träume – jedweder Art – lebt.

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