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Ein Tag mit offenen Augen

Es war vor Jahren im November, just in jenem Monat, der mir immer als besonders trist, farblos und nichtssagend erschien. Der Atem der Berge, der schon längst das letzte Bunt von den Bäumen gepflückt hatte, blies mir erbarmungslos durch den viel zu dünnen Stoff meiner Jacke. In seiner schneidenden Kälte lag die Verheißung eines besonders grimmigen Winters. Missmutig zog ich meinen Schal etwas enger, als ich in Richtung Stadt ging. Die ersten Schneeflocken fielen aus einem grauen Himmel, in dem bereits die Andeutung der zu dieser Jahreszeit viel zu früh einsetzenden Dämmerung lag. Da sah ich zum ersten Mal die Schönheit unserer Stadt – zum ersten Mal wahrhaftig und bewusst, obwohl ich ihren Anblick von klein auf kannte. Ein augenöffnendes Erlebnis. Staunend betrachtete ich die bunten Häuser und Kirchtürme, die sich gegen die diffuse Silhouette der umliegenden Bergwelt erhoben, als hätte ich sie noch nie zuvor gesehen – gesehen wohl, aber nie richtig hingeschaut. Wann war mir dieser Anblick und mit ihm das qualitätsvolle Leben an diesem schönen Ort zur Selbstverständlichkeit geworden?

Kitzbühel von Christina Feiersinger Fotografie Kitzbühel von Christina Feiersinger Fotografie

Das selbstverständliche Paradies

Wohnen, wo andere Urlaub machen – das sagt sich so leicht, im zuweilen hektischen Alltag fällt es aber oft schwer, sich des Privilegs zu erinnern, einen Ort wie Kitzbühel seine Heimat nennen zu dürfen. Und das an dieser Stelle einmal nur auf die wunderbare Lage bezogen – von anderen Aspekten wie Wohlstand und hohem Lebensstandard freilich ganz zu schweigen.
Doch der Mensch strebt immer nach mehr: nach exotischen Ländern, nach Traumstränden und Meer. Dabei liegt das Gute so nah, eine weitere Plattitüde, deren Wahrheitsgehalt in Bezug auf unsere Heimat leicht zu bestätigen ist – man möge dafür nur unsere zahlreichen Gäste fragen.

„Du hast so ein Glück, um jede Ecke gibt’s bei dir die schönsten Naturoasen. Was würd ich dafür geben, hier in der Stadt“, schrieb mir ein User in einer online Fotografie-Gruppe erst kürzlich, als ich ein winterliches Stimmungsfoto vom Schwarzsee veröffentlichte. Und eine Braut erzählte mir mit leuchtenden Augen: „Wie schön es bei uns eigentlich doch ist, ist mir erst wieder so richtig aufgefallen, als ich nach tollen Foto-Locations Ausschau gehalten habe.“ Schöne Plätze an jeder Ecke, eine für uns oft selbstredende Alltäglichkeit, die eigentlich keine ist – andere Menschen müssen sehr weit reisen, um einen solchen Reichtum an malerischen Motiven vorzufinden.

Schwarzsee Kitzbühel und Kitzbüheler Horn von Christina Feiersinger Schwarzsee Kitzbühel und Kitzbüheler Horn von Christina Feiersinger

Hinschauen lohnt sich

Als Fotografin ist es eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, das Besondere im vermeintlich Alltäglichen zu entdecken und sichtbar zu machen, dem Faszinierenden der Natur, die uns hier so üppig umgibt, Ausdruck zu verleihen – und als Schriftstellerin finde ich genau darin die Quelle meiner Inspiration. Mein Auge ist also gewissermaßen auf das genaue Hinschauen geschult, doch häufig ertappe ich mich dabei, wie ich in mein Smartphone oder in Alltagssorgen versunken oder – noch schlimmer – aus Gewohnheit beinahe die besten Eindrücke verpasse.

Wie kommt es, dass wir durch die Gewöhnung an schöne Dinge ihrer Wirkung gegenüber irgendwann derart abstumpfen? Bewusst müssen wir uns ihrer erst wieder gewahr werden, uns selbst darauf sensibilisieren, sie wieder aktiv wahrzunehmen, um sie so auf ein Neues wertschätzen zu lernen. Innehalten, spüren, sehen, durchatmen, die Umgebung auf sich wirken lassen. Das kann auch für Einheimische wie Urlaub sein. Aktiveres Hinschauen, bewussteres Erleben und Genießen können nämlich einen Effekt herbeiführen, der in unserer schnelllebigen Zeit besonders wertvoll und erstrebenswert ist: Entschleunigung. Man erlebt dadurch die eigene Heimat plötzlich viel intensiver, entdeckt sie wie durch die staunenden Augen eines Kindes, dessen Blick auf die Welt man längst vergessen geglaubt, wieder neu. Begeisterung stellt sich dann unerwartet ein, Entspannung und letztendlich Dankbarkeit.

Die Bewusstwerdung des kleinen Paradieses, in dem wir leben, ist eine Wohltat für die Seele. Es braucht lediglich die Bereitschaft, sich auf das Experiment einzulassen – schon ein Tag mit offenen Augen kann enorme Wirkung haben.

Foto von Christina Feiersinger

Einladung zum Augenöffnen

Vielleicht wird es nach dieser Lektüre Anfang Februar sein, just in jener Zeit, die zumeist noch zu grimmig ist, um dem Frühjahr schon Einlass zu gewähren, obwohl sich das Herz bereits nach Frühlingsfarben zu sehnen beginnt, zu der Sie mit offenen Augen durch unsere Stadt, um den Schwarzsee oder etwa Richtung Hagstein schlendern werden, als würden Sie dies alles zum ersten Mal sehen. Welche Details man dabei entdeckt! Sie werden überrascht sein und sehen, wie erfüllend ein solcher Urlaub in der eigenen Heimat sein kann.

Über die Autorin

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Dieser Artikel wurde der Herzregion dankenswerterweise von der Stadtzeitung Kitzbühel für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.
Quelle Originalversion: Stadtzeitung Kitzbühel, Jahrgang 22/Ausgabe 1 (Jänner 2018)
Die Stadtzeitung kann unter  folgendem Link heruntergeladen werden:
http://www.kitzbuehel.at/Stadtzeitung_Jaenner_2018_1


 

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