Beppi “Schneewoiza” Jenewein aus Kirchberg im Portrait

Schneewoiza, hol’ die Zugin

Dieser Artikel in “Bei ins Dahoam” erschienen.

TEXT: EDUARD EHRLICH
FOTOS: JOHANNES KOGLER, PRIVAT

Sonntag, 31. Oktober 1943: Die Kirchberger Dorfhebamme kommt bedrückt aus dem Entbindungsraum: „Na schad, a Bua wär’s g’wesen“. Rosa, die sich so auf ihr Kind gefreut hat, steht der Schock ins Gesicht geschrieben. „I war wegen Problemen mit der Nabelschnur scho mehr hinüber!“, erzählt Pepi Jenewein 75 Jahre später, als er gerade wieder ein bissl zu kämpfen hat – dieses Mal mit vier Stents, die er in Innsbruck gesetzt bekam. Damals schafft es die Hebamme mit all den ihr zur Verfügung stehenden Künsten und Mitteln der damaligen Zeit, Klein-Pepi doch noch zu retten. „Is scho turbulent los’gangen“, lächelt der Tiroler. Pepi ist ein uneheliches Kind, und als er fünf ist, findet seine Mutter nur Arbeit in der Schweiz. So muss der Sohn zum Vater nach Aschau auf den „Kienbauer“-Hof. „Schware Handarbeit, koane Maschinen und wir Kinder im Arbeitsleben mitten drin“. Trotzdem verbringen er und seine Halbschwestern dort eine schöne Zeit. Als Pepi 13 ist, kommt die Mutter schwer krank aus der Schweiz zurück, und der Vater verzichtet auf seine Hilfe, damit Pepi in Kirchberg für die Mama da sein kann. Bald drauf sucht Konditor Helmut Lorenzoni Sen. einen Lehrling, „und 1957 ham wir seinen Zweimannbetrieb eröffnet – der Helmut als Chef und i als Lehrbua“, erzählt Jenewein, der als Junger auch anderes im Kopf hat – Schuhplatteln etwa, um 20 Schilling pro „Tiroler Abend“, oder Schauspielern in der ersten Theatergruppe Kirchbergs.
Beppi "Schneewoiza" Jenewein aus Kirchberg im Portrait 1

„Na, schad, a Bua wär’s g’wesen“

Ein „Örgeli“ aus der Schweiz

Zu Pepis Spitznamen „Schneewoiza“ kommt es schon früh. In der Schweiz hat seine Cousine ein „Örgeli“, eine Knopfziehharmonika. „So a Zugin möcht’ i a!“, sagt Pepi zur Tante, und die bringt ihm zu Weihnachten so ein Örgeli! „Die Gaudi! Und hab i zum Leidwesen meiner Mutter dahoam u’gfangt, a paar Melodien einzustudieren“, und da ist der „Schneewalzer“ dabei. Damals spielt Pepi auch schon Fußball, und egal ob Sieg oder Niederlage, heißt es immer: „Schneewoiza, hol die Zugin!“ Der Brauch weitet sich auf andere Feste aus, und bei einer Fußball-Weihnachtsfeier im Gasthof „Obwiesen“ dann ein erster Höhepunkt: „Schneewoiza, muasst die Zugin holen!“, und als er loslegt, tanzen Fußballpräsidentin Greti Widmoser und Bürgermeister Herbert Paufler den „Schneewoiza“ um den Herd herum. Und das, obwohl bekannt war: „Der Burgermoaster, der tanzt nie!“

Vom „Daxer“ übers „Beil“ zum „Pferdestall“

Beppi "Schneewoiza" Jenewein aus Kirchberg im Portrait 2

Bei all der Hetz wird dem „Schneewoiza“ die Backstube bald zu eng. Er will unter die Leute, wechselt in die Gastronomie und wird nach einer ersten Saison im „Sporthotel“ in Kössen Kellner im Kirchberger „Café Daxer“. Da herrscht gerade touristische Aufbruchsstimmung, auch überschwänglich-freudig im Nachtgeschäft. „Da hat’s a bei uns koa Rolle g’spielt, wenn wir mal durchg’arbeitet haben“. Nach einem sommerlichen Zwischenspiel im „Hotel Seehof“ beim Badesee holt ihn schließlich Christian Aigner als Barkeeper ins „Café Beil“, in dem Top-Bands wie die „Playboys“ oder „Bambis“ spielen. „Ein großer Sprung, weil das Lokal damals im Tiroler Unterland die Nummer eins war“ – in der goldenen Ära des „5-Uhr-Tees“. Die Angestellten arbeiten hart, sind aber eine feine Clique und erleben selbst eine tolle Zeit. Fünf Saisonen später bietet Hans Zwerger dem Pepi das „Daxer“ zur Pacht an, und er nützt die Gelegenheit. „Wir ham Skilehrerbälle mit Tanzspielen organisiert“, das war, als Pepi Schoderböck mit bis zu 180 Skilehrern die Skischule zu einer der besten überhaupt aufbaut. Doch mit zunehmendem Geschäft steigt auch die Pacht, „und die war dann für mich nimmer leistbar“, erzählt Jenewein. 

 

Fällt eine Tür zu, geht eine andere auf, auch wenn diese in den Rohbau-Keller beim Gasthof „Bechlwirt“ führt. Denn Eigentümer Franz Mauracher ist einverstanden, den Raum gemeinsam zu einem Nachtlokal auszubauen, und so eröffnet der „Schneewoiza“ darin 1972 den gemütlichen „Pferdestall“ für etwa 180 Gäste. Pepi hat eine gute Hand für die Musikgruppen und setzt der härteren Disco-Welle einen eigenen Mix aus Happy-Sound entgegen: Ländlich-Lustiges, Rock’n’Roll und „Schleicher“. Seine Gäste fühlen sich wohl, und werden sie aufgrund des Alkohols oder Vollmonds zu gut aufgelegt, sagt Pepi zur Musik: „Leiser! Donauwalzer! Und einen Schmittchen-Schleicher drauf!“

 

Die schöne Blondine hinterm Schalter

In dieser „High Life“-Phase begegnet der „Schneewoiza“ der Liebe seines Lebens. Als er für die Pacht des „Café Daxer“ eine Kaution benötigt, kommt er zur Hagebank Kitzbühel. „Da is hinterm Schalter eine Blondine g’standen! Na, Servus Kaiser!“, erinnert er sich. „Aber die hat mi gar nit beachtet! Die Kitzbüheler Szene, und i kimm als Nobody hin“, lacht Pepi, der die schöne Hopfgartnerin Edith dennoch ins „Daxer“ lädt. „Na!“, antwortet sie, „I hab g’hört, da is nix los. I geh ins Beil!“ Tiefschlag! „Da is mir s’Ladl owikugelt“, so Pepi. Sie geht dorthin, wo er zuvor war! Doch als Jenewein in Sachen „Pferdestall“ erneut in der Bank aufschlägt, folgt ihm die Blonde schließlich doch dorthin und lässt sich ab und zu auch in ein anderes Tanzlokal laden. „Und oiwei dränger z’samm, oiwei nachender“.

 

Weniger reibungslos läuft die Erlaubnis für Ediths „Übernahme“! Denn ihr Vater hat als Hopfgartner Vize-Bürgermeister und Hauptschuldirektor kaum Bezug zur Gastronomie. „Da hat er sich erkundigt, wie’s mit dem Leumund von dem Knaben da im Keller unt’n ausschaut“, lacht Pepi. Naja, in der Fußballzeit war viel geboten – lustig und frei! Und auch nach den Sperrstunden wartete manche Gelegenheit, einmal mit dem Ergebnis eines Sohnes. Doch für die von der Mutter geforderte feste Bindung war es Pepi  zu früh und man trennte sich einvernehmlich. Was Edith betrifft, stimmt der Schwiegervater trotz allem doch zu, und Pepi hält um ihre Hand an. Antwort: „Ge, boat a bissl!“ Das bedeutete eineinhalb Jahre Warteschleife, ehe sie 1974 heiraten.

 

Werbung unserer Herzregion Partner – Artikel unterhalb weiterlesen

Regionales Unternehmen?
Steigere deine Bekanntheit mit Herzregion
Partner werden
Beppi "Schneewoiza" Jenewein aus Kirchberg im Portrait 3

Von den „Schürzenjägern“ bis zu James Hunt

Edith folgt dem Angetrauten ins Nachtgeschäft, eine große Umstellung für sie, und es warten alle Höhen und Tiefen. Aber auch sie liebt die Menschen und die lieben sie. So sind nun beide mit Leib und Seele für ihre „Pferdestall“-Gäste da, auch bei Veranstaltungen für Einheimische vom Nikolauskränzchen mit den „Zillertaler Schürzenjägern“ bis zum Faschingsgschnas. Zwischendurch spült auch das Hahnenkammrennen viel Prominenz in den Keller, von Formel-1-Weltmeister James Hunt bis zu Abfahrts-Olympiasieger Leonhard Stock. Dem geht’s mal so miserabel, dass er auf den Start verzichten will, doch Pepi weiß Rat: „Hamma eam an Brixentaler Jagatee g’macht, hat der u’gfangt schwitzen, und am nachsten Tag is er am Stockerl g’standen“.

Doch auch ohne Fieber geht’s gern feucht-fröhlich zu, mit Stammgästen oder nach Gemeinderats- und Tourismussitzungen, wobei bei Schnaps-Runden oft mehr erreicht wird. Will Pepi mal nichts trinken, hört er: „Bist du a Apotheke oder a Nachtg’schäft?“ Aber die Gratwanderung hat seinen Preis: „Da hab i amoi eine Gehirnblutung g’habt“, erzählt Pepi, „das gibt zu denken, und da hab i meine Frau notwendig braucht“. Edith zieht sich später aus dem Nachtgeschäft zurück, Pepi gibt 1975 die Patronanz des „Pferdestalls“ ab und führt noch zwei Jahre den kleineren „Kuhstall“. In jener Zeit kommen auch ihre Kinder Gitti und Seppi zur Welt. „War ganz a bärige Kombination, wir vier!“, so Pepi. „Und unser Babysitter hat Edi Ehrlich g’hoaßen“, will der Schneewoiza erwähnt haben, und dass sie mich damals „Edal“ nannten. Nette Erinnerungen.

Der Skiclub, Pepis Ding

Beppi "Schneewoiza" Jenewein aus Kirchberg im Portrait 4

Nach der Nachtgeschäft-Ära gründet Pepi mit seinen Kontakten die „Musikagentur Tiroler Unterland“ und macht den Kindern den Chauffeur: „Da waren wir alle Wochenenden unterwegs, die Gitti auf den Pferde-Rennbahnen, der Seppi auf den Skisprungschanzen, und da hamma natürlich koane Gutpunkte bei der Edith kriegt!“ Papa selbst ist in jungen Jahren Skirennen gefahren, und der Kirchberger Skiclub, „war scho immer mein Ding“, erzählt er. 1973 wird er Obmann. „Da hab i mit Hilfe der Gemeinde, Tourismusverband und den Grundeigentümern die schon früher geplante Gaisberg-Rennstrecke bauen können“. Nach guter Überzeugungsarbeit heißt es: „Schneewoiza, des brauch ma!“ 30 Ballen Heu etwa gelten als Pacht für ein ganzes Jahr – der Lohn der Mühe ist schließlich das erste FIS-Rennen mit vielen Topstars. In den 80ern holen Ing. Karl Mitterhauser, der von Pepi die Obmannschaft zwischenzeitlich übernimmt, und Günter Bayr gar drei Weltcuprennen nach Kirchberg, von denen zwei Ingemar Stenmark gewinnt. In der Zeit von Pepis Präsidentschaften bringt der Skiclub selbst Top-Rennläufer/innen hervor, etwa die erste Weltcupläuferin aus Kirchberg, Brigitte Kerscher-Schroll sowie unter den Trainern Georg Neubauer und Pauli Aschaber Vizeweltmeisterin Katrin Gutensohn und Jessica Depauli.

Blumencorso, Kneippanlage, Umfahrungsstraße

Doch auch das touristische Kirchberg hat dem „Schneewoiza“ einiges zu verdanken. Ab 1983 organisiert er das Dorffest: „Da wollt’ jeder mittoa und den besten Standplatz haben. Das Schlimmste war, dass einer amoi mit der Motorsag’ einen Teil vom Nachbar-Standl abg’schnitten hat“, weil dieses einen Meter versetzt war. Im Urlaub in Velden erlebt Pepi den größten Blumencorso Österreichs mit und denkt: „Des wär für uns a was!“ Er legt es den Ortsgranden nahe, und auch „Müllkaiser“ Toni Widmoser sieht dies als Möglichkeit, seine Oldtimer-Autos und -Traktoren einzubinden. So kommt es 1989 beim Kirchberger Gastwirtefest zur Ausstellung „Blühendes Kirchberg“ – „Die eigentliche Geburtsstunde vom Kirchberger Blumencorso“, so Pepi, „wir ham mit bescheidenem Blumenschmuck u’gfangt“, und der Event wird wachsen auf bis zu 580.000 Blumen mit immer größeren Figuren bzw. Bauwerken. „Mit dem Frühschoppen und Sommernachtsfest treffen sich da a oiwei die Einheimischen, und des is des G’miatliche“, das dem Pepi so wichtig ist.

G’miatlich war‘s für Pepi nicht immer. Vor der Eröffnung des Kirchberger Badesees kommen Hans Zwerger und Bürgermeister Paufler zu ihm, weil sie keine Konzession kriegen. „Wer dann im Jörgerbad in Wien einen Kurs für gewerbliche Badebetriebe g’macht hat, war der Schneewoiza! – Bademeisterkurs, Rettungsschwimmen, alles!“ Ähnliches Anliegen der Granden zur Eröffnung der von Gemeinde und TVB gebauten Mehrzweckhalle: „Du, Schneewoiza, du hast ja a Gastronomie-Konzession und hast am Tag leicht Zeit, weilst a Nachtg’schäft hast. Mach ins die Eröffnung und gib ins dei Konzession“. Für 30 Jahre! Und drei Jahre mit ihm als Geschäftsführer! Schneewoiza, der Trouble-Shooter?! „Ja, woi!“

Beppi "Schneewoiza" Jenewein aus Kirchberg im Portrait 5

Leben rein bringen

Der „Schneewoiza“ folgte immer seinem Grundsatz: „Öfter mal was Neues, aber immer bodenständig. Und a Leb’n einibringen! Weil i a selber alles g’lebt hab – im Gastgewerbe, im Nachtg’schäft, bei allem mitten drin! Und mit Freud, weil wenn ’s Lachen weh tuat, dann muasst es lassen!“ Jetzt muss Pepi mit seinen Stents Ruhe geben, außerdem sind es nun seine Enkelkinder, die ihn als Chauffeur brauchen. „Edal, i hab eigentlich alles g’habt – gesellschaftlich, touristisch, sportlich. Das Schönste war, dass ich als Amateur mit dem Peter Hochkogler am Venediger, am Großglockner und am Ortler war – des muasst erst amoi alles daleben. I hab ein paar Rückschläge g’habt, die jeder hat, is alles menschlich. Aber egal ob gesundheitliche oder finanzielle Probleme, wie’s ausgeht, is wichtig. Und da hamma z’sammg’holfen und es überwunden. Und dafür musst oafach dankbar sein und zuversichtlich bleiben!“, so sein kleines Resümee zum 75er.

Kommentare

mood_bad
  • Keine Kommentare vorhanden.
  • chat
    Kommentar erstellen

    Bevor du gehst...

    Wie wäre es, wenn wir in Kontakt bleiben? Kein Spam, versprochen. Nur ab und zu eine kleine Erinnerung mit aktuellen Angeboten und Geschichten aus der Region der Kitzbüheler Alpen.